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Lieber Stromschläge als Stille? Wie wäre das bei Dir?

In meiner Ausbildung zum Coach für Integrative Achtsamkeit erwähnte unser Lehrer einmal ein Experiment, das mich nachdenklich machte – weil es so absurd klang, dass ich es kaum glauben wollte. Menschen, so erzählte er, hätten sich in einem Versuch lieber selbst Stromstöße versetzt, als eine Viertelstunde lang allein mit ihren Gedanken zu sitzen. Ich wollte mehr darüber wissen.

Was ich herausfand: Es stimmt. Der Psychologe Timothy Wilson von der University of Virginia bat Probanden 2014, sich in einen schlicht eingerichteten Raum zu setzen, alles Ablenkende abzugeben – Handy, Lesestoff, Musik – und einfach nur zu sein. Sechs bis fünfzehn Minuten. Mehr als die Hälfte empfand das als unangenehm bis unerträglich. Als die Teilnehmer anschließend die Möglichkeit bekamen, sich per Knopfdruck einen milden Elektroschock zu verpassen – einen, den sie vorher als schmerzhaft eingestuft und für den sie sogar Geld gezahlt hätten, um ihn zu vermeiden – drückten trotzdem zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen den Knopf.

Die Untersuchung trug den Titel „Einfach nachdenken: Die Herausforderungen des unbeschäftigten Geistes“(„Just think: The challenges of a disengageged mind” et al., 2014).

15 Minuten ohne Ablenkung

Heute brauchen wir keinen Stromschlag mehr: wir haben Smartphones und Computer. In der U-Bahn starren fast alle aufs Handy, beim Waldspaziergang laufen Videos oder Podcasts. Beim Essen schreiben wir mit Freunden, die gerade nicht anwesend sind. Jeden kurzen Moment der Ruhe füllen wir sofort mit irgendeinem Input.

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human doing oder human being?

Der Geist, der nicht stillhalten kann

Was die Studie zeigt, ist keine Schwäche einzelner Menschen. Es ist etwas viel Grundlegenderes: Der ungeübte Geist ist nicht gerne mit sich allein. Der menschliche Verstand ist darauf ausgerichtet, mit der Welt zu interagieren – zu planen, zu reagieren, zu lösen. Wie das Herz schlägt und die Lunge atmet, so denkt auch unser Geist ohne Pause.

Wir sind meistens ganz verstrickt mit unseren Gedanken und schwer in der Lage die Gedanken einfach fließen zu lassen und uns nicht von ihnen mitreißen zu lassen.

Hinzu kommt etwas, das viele von uns kennen, aber selten beim Namen nennen: Wenn wir aufhören, uns abzulenken, steigen vielleicht auch Gefühle auf, die wir lieber in Schach halten würden.

Wir fliehen vor uns selbst

Blaise Pascal schrieb im 17. Jahrhundert: „Alles Übel rührt daher, dass wir unfähig sind, allein in einem stillen Raum zu sitzen.” Der Satz trifft heute mehr zu als je zuvor.

Die Alternative – das permanente Füllen, das ständige Tun – schützt uns zwar vor der Begegnung mit uns selbst. Aber es hält uns gleichzeitig von uns selbst fern.

Warum eigentlich? Unsere Gedanken sind immer begleitet von Gefühlen. Wenn droht, dass die Gefühle unangenehm werden, wie Langeweile, Leere, Unsicherheit oder innere Unzufriedenheit, dann wollen wir das lieber nicht spüren. Ablenkung ist ein Weg diese Gefühle nicht wahrnehmen zu müssen.

In der Achtsamkeitspraxis nennen wir das, was in der Stille passiert, oft einen „Spiegel”. Was uns begegnet, wenn wir aufhören zu fliehen, ist kein fieses Monster, das wir befürchten. Es ist meistens einfach: wir selbst. Mit unseren echten Gedanken, unseren echten Gefühlen, unserer echten Stimme. Das kann unangenehm sein – muss es aber nicht. Aber es ist auch das, woraus echte Selbstkenntnis entsteht. Einfach wahrnehmen was ist-denn ist ist ja sowieso da!

Einfach sein – das radikalste Experiment unserer Zeit

Ich lade dich ein zu einem kleinen Versuch. Nicht 15 Minuten. Fang mit fünf an. Setz dich hin. Kein Handy, kein Podcast, keine Musik. Nur du, dein Atem, und was auch immer auftaucht.

Vielleicht wirst du feststellen, dass es sich seltsam anfühlt. Vielleicht wird dein Geist sofort anfangen zu wandern – zum nächsten Meeting, zur Einkaufsliste, zur Frage, ob du den Herd ausgemacht hast. Das ist total normal und in Ordnung. Das ist der Geist, der tut, was er kennt.

Bleib trotzdem. Spüre Deinen Körper-er ist immer im Hier und Jetzt.

Denn in einer Welt, die dir jederzeit eine Ablenkung anbietet, ist die Entscheidung, einfach zu sitzen und zu sein, kein passiver Akt. Es ist einer der mutigsten Dinge, die du tun kannst.

Oder wie es Jon Kabat-Zinn sagt: Meditation ist ein radikaler Akt der Liebe.

Quelle: Wilson, T.D. et al. (2014). „Just think: The challenges of the disengaged mind.” Science, 345(6192), 75–77.